Schwere Parodontitis, ist eine der häufigsten nicht-übertragbaren chronischen Erkrankungen der Menschheit. Man spricht von ca. 750 Mio. Betroffenen. Leichtere Formen könnten sogar bis zu 50% der Weltbevölkerung betreffen. Parodontitis ist eine der häufigsten Ursache für Zahnverlust. Dieser wiederum kann zu Beeinträchtigung von Ästhetik, Kaufunktion und Lebensqualität führen und zu sozialer Ungleichheit beitragen. Die gesundheitsökonomische Bedeutung von Zahnerkrankungen ist sowohl für den einzelnen sowie global gesehen groß: Es gehen mehr Erwerbsjahre verloren als durch andere Erkrankungen des Menschen und die Kosten der direkten und indirekten Behandlungsmaßnahmen betragen hunderte Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Zusätzlich hat Parodontitis als chronische Entzündung negative Auswirkungen auf die Allgemeingesundheit: u. a. Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Erkrankungen und Schwangerschaftskomplikationen sind hier zu nennen.
Charakteristisch für Parodontitis ist die fortschreitende Zerstörung des Zahnhalteapparates: Verlust von klinischem und radiologischem Attachment, die Bildung parodontaler Taschen, Blutung auf Sondieren und ev. Pusaustritt. Unbehandelt kann dies fortschreiten und zu Zahnverlust führen. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist Parodontitis aber gut zu behandeln und die Therapie ist gut voraussagbar.
Was sind Leitlinien?
Leitlinien fassen das aktuelle medizinische Wissen zusammen, wägen Nutzen und Schaden von Untersuchungen und Behandlungen ab und geben auf dieser Basis konkrete Empfehlungen zum Vorgehen. Leitlinien sind im Gegensatz zu Richtlinien rechtlich zwar nicht verbindlich, Abweichungen sollten aber jeweils begründet sein.
Nach dem Stufenschema der AWMF werden folgende Leitlinientypen unterschieden:
- S1-Leitlinie: Empfehlungen auf der Basis eines informellen Konsenses
- S2-Leitlinie: entweder Empfehlungen auf der Basis eines strukturierten Konsenses (S2k) oder Empfehlungen auf der Basis einer systematischen Recherche, Auswahl und Bewertung wissenschaftlicher Belege (S2e)
- S3: Die Leitlinie hat alle Elemente einer systematischen Entwicklung durchlaufen (Logik-, Entscheidungs- und Outcome-Analyse, Bewertung der klinischen Relevanz wissenschaftlicher Studien und regelmäßige Überprüfung).
Warum gibt es jetzt Leitlinien zur Parotherapie?
Ziel der EFP und ihrer Mitgliedergesellschaften ist es, die Gesamtqualität der Parodontaltherapie in Europa zu verbessern, die Zahl der durch Parodontitis verlorenen Zähne zu verringern und nicht zuletzt die Allgemeingesundheit und Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Das neue Klassifikationssystem für Parodontalerkrankungen aus dem Jahr 2017 charakterisiert Parodontitis auf Grundlage des Ausmaßes, des Schweregrads und der bisherigen Krankheitserfahrungen. Zudem gibt es eine Komponente zur Behandlungskomplexität. Die Berücksichtigung etablierter Risikofaktoren (Rauchen, Diabetes) hilft, das Risiko für künftigen Attachmentverlust abzuschätzen. Dieses Klassifizierungssystem spiegelt die komplexe, multifaktorielle Natur der Parodontitis wider.
Die EFP hat 2020 eine klinische S3-Behandlungsleitlinie für Parodontitis der Stadien I bis III entwickelt, die auf einem standardisierten Verfahren basiert, das die systematische Überprüfung der aktuellen Erkenntnisse durch eine repräsentative internationale Gruppe von Experten umfasste. Die S3-Leitlinie zur Behandlung von Stadium IV ist derzeit in Vorbereitung (Stand April 2022). Die von der EFP erarbeiteten Leitlinien wurden in 16 Sprachen übersetzt.
Für wen ist die S3 Leitlinie zur Parotherapie gedacht?
Sie richtet sich an Zahnärzt*innen und Fachärzt*innen für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Dentalhygieniker*innen, in akademische Einrichtungen, Krankenhäuser, Kliniken und Praxen. Weiters richtet sie sich an Personen mit Bezug zur Gesundheitsversorgung, sowie Patient*innen. Außerdem dient sie zur Information für Ärzt*innen aller anderen Fachrichtungen.
Ziel ist es, die Zahnärzt*innen in der Praxis durch die komplexe Fülle von Behandlungsoptionen zu leiten und ihnen eine pragmatische Entscheidungsfindung in voller Kenntnis der Evidenzbasis zu erleichtern. Einige europäische und südamerikanische Länder haben die Leitlinie bereits übernommen oder adaptiert. In Deutschland gilt seit 1.7.2021 als Voraussetzung für die Bezahlung durch die Krankenkasse bei jedem Behandlungsschritt die Beachtung der Leitlinien. Diese wurde dafür sogar in eine Richtlinie umgewandelt: der Dokumentationsaufwand ist beträchtlich, aber die Bezahlung wurde auch ganz deutlich angehoben.
Als ÖGP sind wir bemüht, auch in Österreich die Vorteile evidenzbasierter Parotherapie darzustellen. Diese erfolgt schrittweise, wobei die Parameter und die zu erwartenden Ergebnisse bekannt sind und überprüft (evaluiert) werden sollen. Erst danach werden weitere Schritte eingeleitet und wieder reevaluiert.
Das Ziel der Parotherapie ist Taschenfreiheit – nicht Taschenverwaltung! Es soll langfristig keine Stelle mit ?4mm und BoP geben. Bei Stellen mit >6mm ist neben der Re-Instrumentierung auch ein operatives Vorgehen anzudenken, falls Patient/Zahn/Stelle dafür passend erscheinen. Und: definitionsgemäß bleibt Parodontitis IMMER Parodontitis, auch wenn keine aktiven Taschen mehr vorliegen. Der unterstützenden Langzeittherapie gebührt daher große Aufmerksamkeit.
* Genauere Empfehlungen zur Behandlung der Gingivitis bei Patienten ohne Parodontitis finden Sie in den S3-Leitlinien » hier zum Download